CD - Kritiken:
Rezension zu «Kunst der Fuge», 2013
Orgelmusik Johann Sebastian Bach
Melancholische Clavichordmusik
Kritiken zu «Kunst der Fuge»
Versteckte Schönheit


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Orgerlkonzert Sonnleitner & Mueller 2002
AARGAUER ZEITUNG Samstag, 24. September 2005

Für jeden Hörer gewinnbringend

WETTINGEN Der Organist Stefan Müller spielt Bach-Werke auf der Hauptorgel der Klosterkirche.

Wettingens barocke Klosteranlage ist ein Juwel. Dass die Kirche erst recht ein Solitär ist, verdankt sich auch ihren Orgeln: Eine von ihnen steht nun im Zentrum einer neuen CD.

Welch vielfältiges Instrument gerade die 1996 von der Kleindöttinger Orgelbaufirma Armin Hauser erbaute Hauptorgel ist, ist auf Stefan Müllers neuer CD zu hören. Der junge Musiker erprobt das Instrument mit einem reinen Bach-Programm. Kaum jemand könnte dazu berufener sein als er, denn Stefan Müller wirkt an der Kantonsschule Wettingen als Klavier- und Orgellehrer. Mithin kennt er das Hauser- Instrument sowie seine Charakteristiken wie u. a. zart ansprechende Flöten- und farbige Zungenregister durch und durch. Sie und dazu noch ein Pedal, das selbst im Plenum exzellent «zeichnet », scheinen wie geschaffen für eine virtuose Manifestitation. Allein, Müller geht den umgekehrten Weg. Verinnerlichung ist das, was er u. a. mit der partiell strahlenden Fantasia super «Komm Heiliger Geist» (BWV 651), kanonischen Veränderungen über das Weihnachtslied «Vom Himmel hoch, da komm ich her» (BWV 769) sowie der Fantasia c (BWV 537) anstrebt.

RUNDUM ÜBERZEUGEND Einnehmend, wie delikat ihm dabei die verhaltenen Sätze gelingen, die unter seinen Händen zugleich eine Farbigkeit erhalten, die dem Instrument alle Ehre macht. Zum überzeugenden Eindruck trägt Müllers Favorisierung gemessener Tempi bei, welche so die grossartige Musik atmen lässt. Kommt hinzu, dass der Orgelklang famos eingefangen ist: Die Tontechnik hat hier ganze Arbeit geleistet. Das wird vorab beim Höhepunkt, der Bearbeitung von Bachs Chaconne aus der Violinpartita BWV 1004 hörbar. Müller stützt sich dabei auf Walter Börners Transkription. Dieser hatte das Werk übrigens nach a-Moll transkribiert, um so dem Orgelpedal gerecht(er) zu werden. Gespannt wählt man Track 9 an und ist überrascht – weil Müller erneut nicht dem folgt, was man von einer Chaconne-Interpretation auch erwartet: die Demonstration blendenden technischen Könnens. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ebensolches besitzt Müller in reichem Mass. Aber es ist nicht das, was er primär zeigen möchte. Lieber ist ihm die respektvolle Annäherung an Bachs Chaconne-Kosmos. Konkret: Er verfolgt die vielgestaltigen musikalischen Verläufe zwar mit Genuss, lässt sich von ihnen jedoch nicht vereinnahmen. Selbst wenn Müller, im Vergleich zum Vorgängigen, das Instrument gegen das Ende auf einem nicht enden wollenden Ton bravourös ausklingen lässt, obsiegt nicht der Effekt. Dafür erneut jene gestaltende Kraft, die mühelos auf motivische Eigenheiten zu lenken versteht.
[ELISABETH FELLER]


CD-Kritik
Wolfgang Rothfahl

Junge Interpreten mit perfekter Technik, auch Aufnahmetechnik, sind gefährdet, rasch gemachte CDs auf den Markt zu bringen. Von Stefan Müllers Bach-Interpretation an der Wettinger Klosterorgel muss man das Gegenteil vermerken. Es handelt sich um eine ungewöhnlich reife künstlerische Leistung. Müller präsentiert ein Programm ein wenig abseits der vielgespielten Werke. Es geht ihm offensichtlich auch darum, die Hauser-Orgel von 1996 so farbig wie möglich zu Gehör zu bringen. Und das gelingt ihm. Das Booklet begründet zum Teil die Registerwahl und macht das Hören der CD zu einem Besuch auf der Orgelempore.
Müller wählt ruhige Tempi, die den ganzen Reichtum von artikulatorischer Gestaltung der Themen und Motive hörbar werden lassen. Auffallend ist die souveräne Formbeherrschung, die jedes Stück zu einem Ganzen werden lässt.
Nach dem majestätischen Beginn mit der Fantasia „Komm Heiliger Geist’ BWV 651 gibt das zweite Stück zu diskutieren. Wenn die C-moll-Fantasie BWV 537 so langsam gespielt wird (MM ca. 50 auf die Viertel), ist der Takt nicht mehr als Einheit nachzuvollziehen; Bach hätte dann wohl einen ?-Takt geschrieben. Auch wirkt der dynamische Gegensatz zur Fuge sehr gross. Müller bemerkt im gescheit geschriebenen Booklet, wie Fantasie und Fuge zusammengehören. Das könnte hörbarer werden.
Auf eine faszinierende Darbietung der kanonischen Veränderungen über „Vom Himmel hoch, da komm ich her’ folgt eine Seltenheit: die von Müller revidierte Orgelfassung der Geigen-Chaconne aus BWV 1004 von Walter Börner. Dieses mehrstimmige und polyphone Wunderwerk besticht natürlich vor allem, wenn es einer Solo-Violine entlockt wird, wo sich dann Arpeggien und inegale Tempi von selber einstellen, um Unspielbares spielbar zu machen. Die unerschöpflichen Möglichkeiten einer Orgel sind fast zu perfekt und nehmen dem Stück etwas von seinem Wundercharakter.
Andererseits lassen klangliche Differenzierungen den formalen Aufbau der Chaconne sehr schön nachvollziehen.
Erwähnens-, nein rühmenswert ist die grafische Gestaltung des Booklets durch die Wettinger Gymnasiastin Stephanie Haensler.
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