Tonale Freiräume
Worum geht es?
In der Obertonreihe finden sich mehere Töne, die im klassischen Tonsystem keinen Platz finden. Es handelt sich um die Naturseptime, das Alphorn-fa und die Natursexte.
Diese Töne hatten bei unseren Ahnen ihren Platz, wurden dann aber im Zuge der Christianisierung verdrängt. Wie können diese neu-alten Töne, die auch ein anderes Bewusstsein in sich tragen, mit unserem Tonsystem verbunden werden?
Krise
Unsere gewöhnlichen 12 Töne sind erschöpft, die moderne Klassik befindet sich in einer fundamentalen Tonalitätskrise. Wie kann eine Erweiterung des Tonsystems gelingen?
Zum Phänomen
Im Zentrum dieses Schaffens steht die Naturtonskala in Dur sowie ihre Spiegelung in Moll. Diese Skalen umspielen die Dreiklänge, die selber Teil der Skala sind. Begegnen diese Skalen nun den 12 Tonorten, ergeben sich starke Dissonanzen, beide Systeme sind nicht kongruent: Unsere 12 Töne ergeben sich aus der Potenzierung der Quint, dem Quintenzirkel, währen die Naturtöne auf ganzzahligen Verhältnissen zum Grundton des Tonstrahles beruhen.
Wenn man tief in die neuen Intervalle eintaucht, ergeben sich neue Erlebnisse, in wenigen Stichworten ausgedrückt: die kosmische Weite der Naturseptime, die in sich ruht und sich doch zur Oktave sehnt. Die Naturquart, die einen neuen Übergang von der Terz zur Quinte ermöglicht: statt entweder/oder eher ein integrierendes sowohl-als-auch.
Wie bittere Arznei die Natursext, die uns mit inneren Schattenaspekten konfrontiert.
Ausblicke, Perspektiven, Freiräume
Wie beeinflussen die neuen Intervall-Erlebnisse nun die musikalischen Parameter?
Rhythmus: es ergeben sich neue Taktschwünge, die sowohl den maschinellen Puls als auch den 4-taktige Phrasenbau erweitern. Rhythmische Symmetrien verändern den kausalen Zeitfluss.
Akkorde: die im Quintenzirkel etablierten hierarchischen Harmonieverhältnisse beruhen auf der zielgerichteten Leittönigkeit, die durch die Naturtöne aufgeweicht werden. Wie geht man mit diesem mollusken Schwebezustand um? Ergeben sich neue harmonische Verhältnisse und Modulationen?
Tonleiter: das naturhafte Skalenmusizieren ergibt ein Gefühl von Verbundenheit, schliesst aber auch die heile Welt vor Konflikten ab. Welche Skala-Strukturen lassen sich nebst der Naturtonskala finden? Tetrachorde, Zwitterterzen, Quint-Symmetrien sind einige Stichworte, wohin die Reise gehen könnte.
Intervalle: In der modernen Physik sind Paralleluniversen ein mögliches Konzept; die enharmonische Verwandlung des Naturtones zum neuen tonalen Zentrum ergibt ein solches musikalische Erleben der harmonischen Parallelwelt.
Improvisation: die Integration skalengebundener Improvisation in komponierte Strukturen ergibt sich ganz natürlich.
Freiräume
Das Duo Mueller.weiss arbeitet seit einigen Jahren in dieser Richtung, Stefan Müller komponiert, Sandra Weiss bringt ihre Impro-Leidenschaft ein.
Zur weiteren Entwicklung dieser neuen Tonsprache braucht es Freiräume, in denen wir durch intensive Beschäftigung mit den genannten Phänomenen neue Klangwelten. entwickeln. Durch dieses Hineinlauschen in die neuen Intervalle ertasten sich neue Spielmuster, finden sich Symmetrien und lassen sich entlegene enharmonische Verwandlungen erforschen. Dabei soll kein intellektuelles Konstrukt erbaut werden, vielmehr sollen die Töne sowie ihre harmonischen und rhythmischen Bezüge in intuitiver Weise, durch tiefes Eintauchen in ihre Wesenheit erfasst werden, wodurch sich als schöpferisches Echo in spielerischer Weise immer neue Tonfelder ergeben. Durch die finanzielle Unterstützung ergäbe sich ein kreativer Raum im Vorfeld einer später folgenden Realisierung eines neuen Projektes, das aus der Kompositionsarbeit, dem Üben und Improvisieren, der Realisierung von zwei Konzerten und der medialen Aufzeichnung und Bearbeitung besteht.
Das Duo Mueller.weiss arbeitet auch mit anderen Musiker:innen zusammen, in der Vergangenheit ergaben sich dabei Synergien verschiedener Art.
Atsuko Murata
Susannah Haberfeld
Johann Sonnleitner
Srjdan Vukasinovic
Ueli Angstmann
Teresa Hackel
u.a.
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Geschichte
Schon F. Busoni wies anfangs des 20. Jahrhunderts auf die Musik der Zukunft hin, die Vierteltonmusik. Charles Ives, Alois Haber, Wischnegratzki, Gubaidulina und andere suchten diese tonale Erweiterung in der Mikrotonalität, die unsere Dreiklangsharmonik sprengte.
Daneben entwickelte Heiner Ruland einen neuen Ansatz des Gebrauchs von Vierteltönen. Dabei wird die Skala der Obertonreihe mit ihren Naturtönen Naturseptime (7. Partialton), Naturquart (11. Partialton) und Natursext (13. Partialton) mit den bekannten 12 Tonorten konfrontiert, ohne die Dur/Moll Dualität aufzulösen. Weitere Musiker wie Johann Sonnleitner und andere arbeiten seit Jahren daran, diesen musikalischen Zukunftsimpuls immer wieder neu zu fassen und künstlerisch zu gestalten.
Theorie
Der Quintenzirkel beruht auf der Potenzierung der Quint, d.h. die Quinten werden aufeinandergestapelt und ergeben so die Töne unseres Tonsystems. Da es sich bei diesem Verfahren um einen logarhythmischen Prozess handelt, verlassen wir bereits bei der zweiten Quinte die Natur. Stapelt man zB. die Töne c-g-d-a-e aufeinander, entspricht das resultierende e nicht mehr dem c-e der Naturtonreihe. Dieses Problem wurde im Laufe der Jahrhunderte auf vielfältige Weise mit verschiedenen Temperierungen behandelt. Immerhin ist die Terz c-e als solche noch erkennbar, während die Septime des Quintenzirkels c-b fast nichts mehr mit der Naturseptime zu tun hat.
Während die klassische kleine Septime eine Dissonanz darstellt, die aufgelöst werden muss, ruht die Naturseptime als ganzzahliges Phänomen, als Harmonie in sich, d.h. sie muss nicht zwangsläufig entspannt werden. Mit diesem neuen Hören verbunden, kann man entferntere Intervallverhältnisse als Harmonie erleben. Es gibt also eine dritte Kategorie von Intervallerleben, zwischen Konsonanz und Dissonanz kann sich dieses «sowohl-als-auch» als neue Erlebnisqualität finden lassen.